Das Gemeindekind

© Alexi Pelekanos / Schauspielhaus / Florian von Manteuffel, Barbara Horvath, Franziska Hackl, Thiemo Strutzenberger, Katja Jung© Alexi Pelekanos / Schauspielhaus / Barbara Horvath, Franziska Hackl© Alexi Pelekanos / Schauspielhaus / Franziska Hackl, Thiemo Strutzenberger, Katja Jung© Alexi Pelekanos / Schauspielhaus / Thiemo Strutzenberger, Franziska Hackl© Alexi Pelekanos / Schauspielhaus / Barbara Horvath, Thiemo Strutzenberger, Franziska Hackl© Alexi Pelekanos / Schauspielhaus / Barbara Horvath, Katja Jung© Alexi Pelekanos / Schauspielhaus / Barbara Horvath, Thiemo Strutzenberger
von Anne Habermehl (Libretto)
und Gerald Resch (Komposition)
Ein Singspiel für fünf Sänger und fünf Instrumente
Nach dem gleichnamigen Roman von Marie von Ebner-Eschenbach
Regie: Rudolf Frey

URAUFFÜHRUNG
Premiere: 5. März 2015 / 20 Uhr

Aufführungsdauer: ca. 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

Die Adelige Marie von Ebner-Eschenbach, einst als bedeutendste Schriftstellerin Österreichs apostrophiert, veröffentlicht 1887 mit dem Roman Das Gemeindekind ihr zentrales Werk. Zu einem Zeitpunkt, da die Bemühungen der Sozialdemokratie dem industriellen Proletariat gelten, stellt sie bereits die Schattenseiten der ländlichen Unterprivilegierten ins Zentrum ihres Interesses. Auch wenn das Erscheinungsbild der Armut in Das Gemeindekind hässlich ist und die Menschlichkeit der Betroffenen gering erscheinen lässt, ist der Roman nicht den Prinzipien des Naturalismus geschuldet. Die Lage des Individuums ist nicht nur deterministisch eine Folge sozialer Umstände, der Einzelne mehr als ein Produkt ökonomischer Verhältnisse. Anne Habermehls Das Gemeindekind ist keine Aktualisierung des Ebner-Eschenbach‘schen Werks, keine Adaption des Romans für die Bühne, sondern eine Neudichtung in Form eines Librettos. Ähnlich wie in Lars von Triers Film Dogville wird hier ein Modellfall durchgespielt: Titelheld Pavel wird, familiär vorgeprägt, zum Ausgestoßenen, droht in die Kriminalität abzustürzen. Habermehl geht der Frage nach, was mit einem Gemeindekind passiert, wenn das einstige Gemeindemodell nicht (mehr) existiert. Wie lässt sich ein solches Sujet beschreiben, wenn der Glaube an pädagogische Erzählformen obsolet geworden ist? Gerald Resch, einer der wesentlichen Protagonisten der österreichischen zeitgenössischen Musik, vertont das Libretto – eigens für das Schauspielhaus-Ensemble – als Singspiel. Es ist seine erste musiktheatralische Arbeit.
"Das Drama nach Motiven des 1887 veröffentlichten Romans Marie von Ebner-Eschenbachs ist eine sensible, zugleich reizende Performance von 75 Minuten mit je fünf Sängern und Instrumentalisten. (…) Dass die Schauspieler keine ausgebildeten Sänger sind, (…) machten sie durch hohe Musikalität und viel Gefühl wett.(…) Der Realismus dieses soziale Probleme verarbeitenden Romans ist nur angedeutet, die Handlung wird in die Gegenwart verlegt, spielt wohl irgendwo in Tschechien nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. (…) „Ich bin der König des leeren Kinos“, wird Pavel (Thiemo Strutzenberger) sagen. Er ist das Gemeindekind, dessen Vater im Roman wegen Mordes gehenkt, dessen Mutter ins Zuchthaus gesteckt wurde. Nun soll das Dorf sich um diesen sozial benachteiligten Teenager kümmern (…). Verstockt, lauernd, pubertär und meist sehr zurückhaltend legt Strutzenberger seine Titelrolle an – fantastisch. Zwei Frauen wollen seine Pflegemütter sein, sie sorgen abwechselnd für ihn (…). Barbara Horvath und Katja Jung arbeiten ihre Charakterstudien überzeugend heraus. Rustikal dürfen Franziska Hackl und Florian von Manteuffel agieren. (…) Vinska flirtet mit dem Außenseiter und wünscht sich etwas: ein „Wischhandy“. Er schenkt ihr vorerst eine Scherbe aus Glas, durch die man die Welt gebrochen sieht. Das ist eine rührende Szene in all dem Elend dort auf dem Lande, und gut gespielt. Wird Pavel integriert werden, wie das romantisch-idealistisch im Roman geschieht? Man darf sich von der griffigen, kühlen, manchmal maliziösen Interpretation überraschen lassen. Starker, langer Applaus." Die Presse
 
"In Marie von Ebner-Eschenbach haben Kinder und Jugendliche des 19. Jahrhunderts eine frühe schriftstellerische Patin gefunden. Ihre Novelle Das Gemeindekind (1887) vermisst das Unverständnis und die Achtlosigkeit, die die Erwachsenenwelt einem elternlos gewordenen 15-Jährigen entgegenbringt. (...) Anne Habermehl, in der Spielzeit 2013/14 Hausautorin am Schauspielhaus Wien, hat ebenda Motive des Prosawerkes aufgegriffen und zu einem meisterhaften Libretto verdichtet. Dieses trägt den Beat der Jetztzeit in sich, der in schmalen Sätzen die Welt des Kindes aufeinandertürmt; die sparsam eingesetzten Worte haben Gravität und Glanz und leuchten in ihrer archaischen Wucht. Dem Ganzen gibt Komponist Gerald Resch einen irisierenden Sound, der so klingt, als würden die spitzen Klänge von Kurt Weill auf den Low-tech-Sprechgesang nonchalanter Clubmusik treffen. Auf diesem schmalen Grat wandeln die Schauspieler, sprechend und singend, in steter Nähe zu den Musikern des Ensembles Phace (musikalische Leitung: Mathilde Hoursiangou). (…) Rudolf Freys Inszenierung gewinnt durch ihren Purismus, ihren Rückzug aus den Bildern, ihre Erschließung von Räumen und Strukturen zwischenmenschlicher Mechanismen." Der Standard
 
"Tatsächlich handelt es sich um ein Singspiel, weil Andreas Beck „Musik“ als letztes Spielzeitmotto vorgab (…). Bei dieser Abschlussproduktion nun glückt diese riskante Kombination auf schier unwahrscheinliche Weise dank perfekter Harmonie zwischen Text, Musik und einer Regie, die beide stets füreinander ausspielt. Autorin Anne Habermehl hat wohl daran getan, die berühmte Erzählung der österreichischen Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach Das Gemeindekind (1887) lediglich als Inspirationsquelle zu verstehen. In ihrer Version eliminiert sie die meisten Nebenfiguren und dreht die Grundprämisse der sozial engagierten Adeligen gewissermaßen um: Wie damals ist die Handlung in einem tschechischen Dorf angesiedelt. Doch statt in der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie befinden wir uns nun in der postsozialistischen Jetztzeit. Während der nach Inhaftierung seiner Mutter quasi verwaiste Pavel bei Ebner-Eschenbach noch wie eine heiße Kartoffel im Dorf herumgereicht wurde, reißt sich die Gemeinde in Habermehls Fassung richtig darum, ihn aus seinem Sumpf zu holen und zu einem besseren Menschen zu machen. (…) Selbstverständlich geht das schief, und Habermehl erzählt sich gelassen pessimistisch durch eine herrlich fiese Parabel: wie der Teenager an den diversen Einflüssen seiner Möchtegern-Pflegepersonen wächst, Lügengeschichten erzählt, weil er denkt, das gehöre so, dann fast zu Tode getrampelt wird und ins innere Exil flüchtet. Habermehls Libretto hält für das gesanglich nicht sonderlich ausgebildete Ensemble mal ein Lied, mal Sprechgesang und auch darüber hinaus eine natürliche sprachliche Musikalität parat, die vergessen lässt, wie hochkünstlich diese Versuchsanordnung „Musiktheater“ eigentlich ist. Wenn die fünf Schauspieler singen, wirkt es oft wie ein Entgleiten in andere Tonlagen. Singend wie sprechend verleiben sie sich die Worte und Klänge völlig ein, ihres Rhythmus stets bewusst und ihm doch nie sklavisch unterworfen. Habermehls Sätze sind kurz und pointiert, offenbaren die klaren Haltungen der Dorfbewohner. (…) Mit fataler Neugier treiben sie mit dem Gemeindekind ihre Experimente. Dieses gibt Thiemo Strutzenberger in einer seiner schönsten Performances überhaupt: Fast behäbig arbeitet er sich zwischen den Notenständern hindurch ins Zentrum der Aufmerksamkeit vor, ein moderner Kaspar Hauser, der jedes neue Wort hinterfragt, noch lange nachdem er es ausgesprochen hat, und ebendas auch zu einem musikalischen Akt macht. Als er für Vinska in einer Scherbe „das Licht vom Universum“ einfängt, kann dieser Pavel nicht im Entferntesten ahnen, wie hinreißend kitschig diese Liebesgeste möglicherweise in der Welt der Anderen wäre. Ohne das Auge und Ohr für das Ganze zu verlieren, orchestriert Rudolf Frey die fünf Schauspieler unverkrampft zu Tableaus und schafft es, der sprachlichen und klanglichen Komposition mit wenigen Hilfsmitteln behutsam auch eine visuelle hinzuzufügen. Gerald Reschs Musik ergreift immer wieder vorsichtig Partei: Jeder Rolle ist ein Instrument zugeordnet. Aber auch der Score hat Humor: Als es heißt: „Was für Musik läuft?“ – „Disko!“, gelingt ihm ein bemerkenswerter Spagat zwischen Form und Inhalt. Am Ende blickt die Gemeinde, die es gut meinte, dem gemeinen Kind baff hinterher. Black. Die Intendanz Andres Beck verabschiedet sich aus Wien mit einem letzten Aufblühen des feinmotorischen spielerischen Minimalismus, dem sie ihre besten Momente verdankt." nachtkritik.de
 
"Dass Das Gemeindekind von Anne Habermehl und Gerald Resch, eine Adaption von Marie von Ebner-Eschenbachs gleichnamigem Roman, nun im Schauspielhaus und nicht in einer Bastion lyrischer Gesangskunst das Licht der Welt erblickt, macht Sinn. Denn das „Singspiel“, dessen Rollen sämtlich vom Schauspielerensemble des Hauses bestritten werden, räumt dem Sprechen bewusst ein Primat vor gesanglicher Virtuosität ein. (…) Doch als die Handlung ins Rollen kommt, wird schnell klar: Zentrum ist hier das dramatische Geschehen, das auf dem mitreißenden Libretto basiert. (…) Wenn die Schauspieler beim Singen Unsicherheit zeigen, so laufen sie dafür beim Sprechen und Agieren auf fast leerer Bühne (Vincent Mesnaritsch) zu Hochform auf und lassen die Figuren in ihrer Gespaltenheit, Bitterkeit und Hoffnung greifbar werden. In Rudolf Freys minimalistischer Inszenierung verleiht Thiemo Strutzenberger dem „Gemeindekind“ Pavel bis hin zur leicht gekrümmten Körperhaltung und schmerzlichem Lächeln eine eindrucksvolle Gestalt. (...) Resch gebührt Respekt dafür, sich aus der Hochglanz-Nische hinausgewagt zu haben." Wiener Zeitung

"Sag zum Abschied leise Kino: ein Singspiel mit Neuer Musik als letzte Premiere: Mit Musik fällt alles leichter, auch der Abschied. Für seine letzte Spielzeit am Schauspielhaus hat Andreas Beck deshalb drei unkonventionelle Musik-Theater-Projekte in Auftrag gegeben. Für Anja Hillings Melodram „Sinfonie des sonnigen Tages“ lieferte die Elektronikband Mouse On Mars einen Soundteppich, Thomas Arzts Einbrechermusical „Johnny Breitwieser“ mit Musik des US-Komponisten Jherek Bischoff ist der Hit der Saison. Das ehrgeizigste Projekt aber kommt zum Schluss: Schauspielhaus goes Neue Musik. „Das Gemeindekind“ orientiert sich an der alten Form des „Singspiels“, in dem Gesangs- und Sprechpassagen gleichberechtigt sind. Normalerweise müssen sich Sänger dabei auch als Schauspieler bewähren; hier ist es umgekehrt: Das SchauspielhausEnsemble muss singen. Komponist Gerald Resch hat darauf Rücksicht genommen. Der Gesang ist eher Sprechgesang, jedem der fünf Schauspieler wurde ein Instrument zugeordnet (die Musiker sind Mitglieder des renommierten Ensembles Phace). Und das funktioniert ziemlich gut. Von Marie von Ebner-Eschenbachs sozialkritischem Roman (1887) ist in Anne Habermehls dichtem Libretto nur das Grundmotiv übriggeblieben. Der 15-jährige Pavel (Thiemo Strutzenberger) kommt in eine Pflegefamilie und gerät dort an die coole Tochter des Hauses (Franziska Hackl). „Ich will wissen, wer du bist“, sagt sie einmal. Die überraschende Antwort: „Ich bin der König des leeren Kinos.“ Das ist ein wunderbarer Satz. Aber es braucht auch einen Schauspieler, der so einen Satz so überzeugend sagen kann wie Strutzenberger. Am Ende des 70 Minuten kurzen, sprö- de-poetischen szenischen Konzerts (Regie: Rudolf Frey) verlässt das Gemeindekind das Dorf, seine Silhouette verschwindet langsam am Horizont." Falter

"Geschlossene Gesellschaft - Daheim und trotzdem fremd: Die Ebner-Eschenbach-Adaption "Das Gemeindekind“ im Wiener Schauspielhaus: Wahrscheinlich beginnt das Problem schon damit, dass es alle gut meinen mit Pavel, einem 13-jährigen Jungen, der allein im Dorf zurückbleibt, nachdem seine Mutter verhaftet wurde. Der Junge durchschaut schnell, dass alles seinen Preis hat, vor allem die Almosen, die er von seiner Umwelt erhält. Pavel ist die perfekte Projektionsfläche, er soll als Kitt herhalten für ein Dorf, in dem Solidarität und Zusammenhalt schon längst verschwunden sind. Die deutsche Dramatikerin Anne Habermehl legt mit ihrer Bearbeitung von Marie von Ebner-Eschenbachs 1887 veröffentlichtem Roman "Das Gemeindekind“ einen geheimnisvoll-funkelnden Text vor, der von gesellschaftlichen Unterwerfungszwängen ebenso erzählt wie von jugendlicher Aufmüpfigkeit. Thiemo Strutzenberger ist im Wiener Schauspielhaus eine Idealbesetzung für den störrischen Pubertierenden, der ein Fremdkörper bleibt, an dem alle Projektionen kalt abprallen. Auf einer fast leeren Bühne mit erdigem Boden wird exemplarisch die Struktur einer geschlossenen Gesellschaft durchdekliniert, die Inszenierung ist in ihrer strengen, reduzierten Form zwar sperrig (Regie: Rudolf Frey), aber spannend. Vom renommierten heimischen Komponisten Gerald Resch stammen die musikalischen Einschübe, die mit den schauspielerischen Szenen gut harmonieren. Für die Musik sorgt das live sehr präzise spielende Ensemble PHACE. k. c." profil
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