Geronnene Interessenslage

© Alexi Pelekanos / Schauspielhaus / Gideon Maoz, Steffen Höld, Nicola Kirsch© Alexi Pelekanos / Schauspielhaus / Nicola Kirsch, Steffen Höld, Gideon Maoz, Myriam Schröder© Alexi Pelekanos / Schauspielhaus / Margarethe Tiesel© Alexi Pelekanos / Schauspielhaus / Gideon Maoz, Steffen Höld© Alexi Pelekanos / Schauspielhaus / Myriam Schröder© Alexi Pelekanos / Schauspielhaus / Nicola Kirsch, Margarethe Tiesel© Alexi Pelekanos / Schauspielhaus / Steffen Höld, Nicola Kirsch, Myriam Schröder© Alexi Pelekanos / Schauspielhaus / Steffen Höld, Nicola Kirsch
von Clemens Mädge
Regie: Robert Borgmann

URAUFFÜHRUNG
Premiere: 13. Februar 2015 / 20 Uhr

Aufführungsdauer: ca. 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
Gott schuf die Welt in sechs Tagen, am siebenten ruhte er. So steht es in der Genesis geschrieben. In Geronnene Interessenslage ruht Herr Otto, seines Zeichens Gott, von Anfang an. Die Geschäfte führt an seiner statt seine Frau Anna: Sie vermietet einen Raum, der vom Boden bis zur Decke mit Schränken, Kommoden, Regalen und Nachttischen möbliert ist; in den Schubladen dieses Nachtasyls leben vier aus der Zeit gefallene Individualisten. Sie gehen Tätigkeiten nach, die keinen Anfang und kein Ende zu nehmen scheinen, zirkulieren um sich selbst. Es sind einsame, exzentrische, melancholische Kreaturen, die ihren Spleens und Tagträumen nachhängen, als gäbe es kein Außen mehr, keine Sachzwänge und Verbindlichkeiten. Clemens Mädge untersucht die fatale Strategie des „Sich-nicht-Fortbewegens in der Welt“. Dem absurden Setting, das zwischen Warten auf Godot und Bartleby der Schreiber changiert, ist eine schwarze Komik eingeschrieben, die von einem Mikrokosmos erzählt, in dem das individuelle Kreisen angesichts der existenziellen Geworfenheit machtlos bleibt. Gott ist nicht tot, er schläft nur.
"Es geht um eine Schöpfungsgeschichte, einen abwesenden Gott, der seiner Frau Anna (Margarethe Tiesel) eine desolate Welt hinterlassen hat, um die sie sich widerwillig kümmern muss. Der Titel des Stücks verweist auf starre Fronten, wir sehen heillose Verstrickung in banale Verrichtungen, Routine, die das Leben bestimmt und zerstört: Aufstehen, arbeiten oder die Nacht durchmachen, Liebschaften, Suche nach Liebe, mal eine Reise, mal ein Ausflug ins Grüne – das war‘s. Aber: Die Anarchie wächst. (…) Die Menschen-Hamster in ihrem Rad, umgeben von einem elektronischen Klangteppich, sind nicht festzumachen, sondern mehr Spielfiguren – und es gibt auch keine konventionelle Handlung. 90 Minuten dauert die heftig beklatschte Aufführung . (…) Dem Ensemble sieht man wie immer gern zu: Myriam Schröder als Gratsche, „Akkordeon-Spielerin in den Kneipen der Welt“, ein Nachtvogel und eine Schnapsdrossel mit hochhackigen Schuhen und weißer Walle-Perücke, nymphomanisch und tragisch, Nicola Kirsch als Volksschullehrerin Matuschka zwischen Pedanterie und Lebensgier , Gideon Maoz als Angestellter Paul „in irgendeiner Firma, in irgendeiner Branche“, vielleicht ein Klient von Partnerbörsen im Internet, jedenfalls wie Gratsche ständig auf der Suche, Steffen Höld als pensionierter Literaturprofessor Goldwasser und Tiesel, die diese schrägen Typen mit lakonischen Befehlen auf dem Boden halten will."
Die Presse

„Drei Figuren – zwei Frauen und ein Mann – begeben sich, eine nach der anderen, langsam hinter einen großen Neonlichtrahmen. (…) Davor nimmt ein Mann in gebückter Haltung mit herabhängenden Armen Aufstellung. An der Wand taucht der Schatten eines überdimensionalen Sensenmannes auf. Der Tod trägt im Stück „Geronnene Interessenslage“ von Clemens Mädge allerdings den Namen Anna. Zugleich ist er/sie die Frau von Otto und Otto ist Gott. Der befindet sich allerdings in einem Dauerschlaf. (…) Welchen Einfluss hat aber Gott auf unser Leben, wenn er nichts anderes tut, als nach der Erschaffung dieser Welt eben diese sein zu lassen und den Rest der Arbeit auf seine Frau abzuwälzen? Der 1983 in Lüneburg geborene Dramatiker, der mit diesem Stück das Hans-Gratzer-Stipendium am Schauspielhaus gewann, geht dieser Frage nicht wirklich nach. Vielmehr bemüht er nach dem Intro mit seiner Gottesschlafidee vor allem Nietzsches Nihilismus. Seine Figuren, zu Beginn durch die Kostüme völlig entpersonalisiert, drehen sich im Laufe der Vorstellung in ihren eigenen Gedankengebäuden beständig im Kreis. Die völlige Absenz von Liebe und die Durchdrungenheit der Gestalten von absoluter Sinnlosigkeit bestimmen den Abend von Anfang bis zum Schluss. Ein schlafender Gott ist so gut wie ein toter. In der Regie von Robert Borgmann, der auch für die exzellente Ausstattung zuständig ist, bilden Myriam Schröder als versoffene Popmusikerin Gratsche und Nicola Kirsch als Grundschullehrerin Matuschka einen wunderbaren Widerpart. (…) Steffen Höld spielt Ewgenij Goldwasser, einen pensionierten Literaturprofessor, der nur mehr marionettengleich und gramgebückt unter der Last seines Wissens dahinvegetiert und das Geschehen rund um ihn aus seiner Sicht kommentiert. Gideon Maoz ist sein viriler Gegenspieler namens Paul. (…) Mit Margarethe Tiesel holte sich das Haus eine bereits international bekannte Schauspielerin als Gottes Frau Anna auf die Bühne. In Ulrich Seidls Kinofilm Paradies: Liebe verkörperte sie die Hauptrolle Teresa, schaffte damit ihren Durchbruch im Film und wurde bei der Vergabe des Österreichischen Filmpreises 2013 als beste Schauspielerin geehrt. (…) Auf der Bühne stellt Robert Borgmann ein großes Neonquadrat als Sinnbild einer rational ausgerichteten Welt einem großen Neonkreuz gegenüber. Die rechte Bühnenhälfte wird teilweise durch einen roten Samtvorhang abgetrennt. Nichts Lebendiges lenkt von der schwarzen Tristesse ab. Der zweite Teil des roten Vorganges liegt wie unachtsam hingeworfen am Boden und markiert zu Beginn durch eine geschickte Lichttechnik Gott, sowie später Matuschkas Leichentuch. Clemens Mädge ist kein Erzähler. Er stattet seine Figuren nicht mit der Möglichkeit aus, sich im Laufe des Abends psychologisch zu entwickeln. Vielmehr präsentiert er in seinem Stück einen erbärmlichen Istzustand dieser Welt, den seine Protagonisten und Protagonistinnen verkörpern. Auch der Zufall trägt nicht zur Erheiterung und Lebensverschönerung bei. (…) Der Autor setzt dem Publikum eine Gesellschaft vor, die, enthoben jeder Zeit und jedes Ortes, diese Welt nur als Zumutung empfindet. (…) Was bleibt, sind tolle schauspielerische Leistungen und eine Regie, die herausholt, was herauszuholen ist (…).“
European Cultural News


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