Noch ein Lied vom Tod

© Alexi Pelekanos / Schauspielhaus / Simon Zagermann, Barbara Horvath, Florian von Manteuffel© Alexi Pelekanos / Schauspielhaus / Martin Vischer, Gideon Maoz© Alexi Pelekanos / Schauspielhaus / Steffen Höld, Florian von Manteuffel, Simon Zagermann© Alexi Pelekanos / Schauspielhaus / Steffen Höld, Florian von Manteuffel© Alexi Pelekanos / Schauspielhaus / Simon Zagermann, Johanna Tomek© Alexi Pelekanos / Schauspielhaus / Barbara Horvath, Florian von Manteuffel
von Juliane Stadelmann
Regie: Daniela Kranz

URAUFFÜHRUNG
Premiere: 9. Jänner 2015 / 20 Uhr
 
Aufführungsdauer: ca. 1 Stunde 25 Minuten, keine Pause
Noch ein Lied vom Tod eröffnet ein Assoziationsfeld zum Western-Genre: Doch die Geisterstadt ist hier eine im Nirgendwo gelegene Plattenbausiedlung, der Sheriff ein Kommissar, der ein Verbrechen aufklären möchte, das bereits zu den Akten gelegt ist. Er sucht nach Gründen und der Wahrheit, stößt auf eine Mauer des Schweigens, verliert sich im Dickicht seiner eigenen Ermittlungen. Er scheint vom Dienst suspendiert und ständig mit dem Schlaf zu kämpfen. Juliane Stadelmann geht von einem realen Fall fahrlässiger Kindstötung aus, arbeitet diesen jedoch – in rasanter Dialogführung im absurden Mikrokosmos des „wild wild east“ – entschieden tragikomisch auf: Wie die Geier im Western kreist etwa die lokale Bestatterin durch die Siedlung, stets auf der Suche nach Opfern; verwahrloste Kinder streifen umher, makabren Geheimnissen auf der Spur, man stirbt sinnlose Tode, dies alles kommentiert von einem weiteren Western-Versatzstück: dem Tumbleweed. In der Platte, der grotesken Welt dieses Stücks, sind alle Regeln von Raum und Zeit außer Kraft gesetzt, nur nicht die Gesetzmäßigkeit des Sterbens.
Die 1985 in Salzwedel geborene Dramatikerin erlebt ihre erste Uraufführung Noch ein Lied vom Tod (…) in einer das surreale Setting des Stücks unterstützenden Inszenierung durch Daniela Kranz mit einem groß aufspielenden Steffen Höld als Wirt. Im Gestus eines Comics, der in das Gewand eines Western gesteckt wurde (…), greift Stadelmann einen realen Kriminalfall aus dem Jahr 1999 auf. (…) Eine schräge Tragikomödie.
Kleine Zeitung

Juliane Stadelmann (…) führt in ihrem Stück zwei Dinge zusammen: eine Justiz auf verlorenem Posten und eine verrohte Gesellschaft, die vieles als gegeben hinnimmt und sich nicht zu helfen weiß. (…). Im Schauspielhaus (…) beginnt ein Pulk an Ventilatoren in den „Wilden Westen“ einer Plattenbau-Bar hineinzublasen. (…) Rechts hinter dem Tresen steht ein Bilderbuchkaktus, ein Steppenläufer rollt über die Kante der Barschräge (…). Damit erreicht Regisseurin Daniela Kranz zu Beginn eine Atmosphäre nervöser Spannung. (...) Ein Kommissar mit Namen Udo (Florian von Manteuffel) betritt die Bar, weil er dem Kindsmord nachgehen möchte, und er stößt auf maulfaule Local Heros: Simon Zagermann als zu früh erwachsen gewordener Eigenbrötler, Steffen Höld als Wirt mit Faible für Makaken, Johanna Tomek als abgebrühte Bestatterin und Barbara Horvath, eine junge Frau im Reh-Pulli, die von der Verschönerung ihrer Umgebung träumt, ohne aber die Katastrophen überhaupt zu registrieren. (…) Die Autorin macht keine Schuldzuweisung, sondern zeichnet das Zustandsbild einer schwachen Gesellschaft, die sich selbst nicht im Griff hat.
Der Standard

Die Regisseurin Daniela Kranz, auch für die Ausstattung verantwortlich, übersetzt das Changieren des Geschehens zwischen einer Bar im Nowhere des Wildem Westens und einer ebensolchen in einem tristem Plattenbau höchst intelligent. Sie führt die Beteiligten durch überzogene Schminke und Kostüme regelrecht vor, belässt ihnen aber jenen flapsigen Ton, mit dem Stadelmann nah an der Realität bleibt. An der knapp bemessenen Sprache gibt es kein Wort zuviel. Kommissar Udo platzt in eine Vorstadtkneipe, in der die Langeweile Stammgast ist. (…) Gesprochen wird nicht viel, was auch. Man kennt sich schließlich. Simon Zagermann trägt in seiner Rolle als Tom-Tom eine schwarze Melone und einen Stock und erinnert damit an die Hauptfigur Alexander DeLarge, den Anführer der Jugendbande im Film Clockwork Orange. Clara, gespielt von Johanna Tomek, könnte auch von Fassbinder engagiert worden sein. Ihrer Berufung folgte sie nolens volens, nachdem ihre beabsichtigte Karriere als Kindergärtnerin aufgrund einer zuvor durchzechten Nacht gleich am ersten Tag beendet worden war. Hans, der wortkarge Barkeeper, wir köstlich vom sonst so schlanken Steffen Höld gespielt. Sein Embonpoint, der ihm unter die Trainingsjacke geschoben wurde, erheitert gleich zu Beginn das Stammpublikum. Die junge, naive Nadine (Barbara Horvath) ist dazu ausersehen, den Kommissar zu verführen. Das unliebsame Subjekt, das von außen die Ruhe zu stören scheint, wird auf diese Weise liebevoll neutralisiert. Tackenförster und Ottenzwerg, von Martin Vischer und Gideon Maoz dargestellt, verkörpern zwei umherstreunende, halb verwahrloste Freunde, die sich vor dem Kommissar, aber vor allem vorm Schlafen fürchten. (…) Die beiden Schauspieler brillierten im Duo bereits in Peter Lichts „Das Sausen der Welt“ und sind auch in dieser Inszenierung ein Traumpaar. Unbändig frech und dominierend der eine, ständig rotzig und wunderbar kindisch nachäffend der andere, schließt man sie umgehend ins Herz. Wenn man um die Vorgeschichte weiß, fallen einem die Lacher schwer, die sie permanent auslösen. Geht man unbeleckt in das Stück, entsteht der Kloß im Hals erst zum Schluss. (…) Stadelmann strickt aus ihrem Text ein Gewebe aus Traum und Wirklichkeit, braut ein Amalgam aus Witz und Grauen – wie in den allerbesten Krimis der komischen Gattung. Ihre Metabotschaft kommt nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern reduziert sich auf eine phantastische und allegorische Beschreibung eines elenden Istzustandes unserer Gesellschaft. Die vordergründig federleichte Verpackung des Themas und das Können des gesamten Ensembles machen den Reiz dieses Abends aus.
European Cultural News
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