Allerwelt

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von Philipp Weiss
Regie: Pedro Martins Beja
 
Premiere: 20. März 2014 / 20 Uhr
URAUFFÜHRUNG

Vorstellungsdauer: ca. 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause
Flüchtlingsgeschichten bestimmen unsere letzten hundert Jahre. Philipp Weiss schafft mit Allerwelt einen vielstimmigen und -sprachigen Chor der Flüchtlinge und Erinnerungen, aus dem sich ein mehrere Dekaden umfassendes zeitgeschichtliches Panorama entrollt. Er erzählt von Gaspar, dem ungarischen Grenzsoldaten, von Yasar, dem türkischen Transsexuellen, von Malalai, der afghanischen Ärztin, von Fatima, einer Somalierin, ihren Töchtern, von Naseer, dem jungen Iraker, von Thien, dem alten, schweigenden Vietnamesen, von Anat, der Jüdin, die von ihren Eltern auf dem Weg nach Zion zurückgelassen wurde, von Tereza, der Tschechin, und von Guillermo, der aus der Folterkammer Pinochets entfloh. So unterschiedlich ihre Schicksale auch sind, eines ist ihnen allen gemeinsam: der Bruch in den Biografien, der Verlust der Sprache, der Heimat und damit ihrer Identität. Mila Katz, die Hauptfigur des Stückes, steht repräsentativ für die Sehnsucht dieser Menschen, wieder zu sich und nach Hause zu finden. Auf ihrer Suche nach sich selbst streift Mila durch Allerwelt und stellt in ihren Begegnungen mit dessen Bewohnern fest, dass das Erzählen das einzige Mittel ist, um gegen diese Heimatlosigkeit anzukämpfen.
 
Nicht mehr nach Hause zurück zu können – im konkreten wie auch im übertragenen Sinn – ist ein Schicksal, das bis heute viele Menschen ereilt und mit dem wir täglich konfrontiert sind. Philipp Weiss, der 2011 mit Allerwelt das Hans-Gratzer-Stipendium im Rahmen des Autorenprojekts stück/für/stück gewann und in dieser Spielzeit Hausautor am Schauspielhaus Wien ist, wählte als Ausgangspunkt für sein Stück ebenfalls einen konkreten Ort in Wien: Macondo, eine Flüchtlingssiedlung in Simmering, die 1956 auf dem Grundstück eines Kasernenbaus aus dem Ersten Weltkrieg errichtet wurde und in der derzeit fast 3000 Flüchtlinge aus 22 Nationen leben. Viele, die diesen Ort nur als Zwischenstation sahen, sind bis heute dort geblieben. Flüchtlinge von aktuellen Kriegsschauplätzen treffen hier auf Menschen, die in Macondo seit den 1950er Jahren leben. Phillipp Weiss hat sich dorthin auf Recherche begeben, die Geschichten der dort Gestrandeten gesammelt und in einem fiktiven Flüchtlingslager namens Allerwelt verortet.
"Uraufführungen zeitgenössischer Stücke sind immer schwierig, schon weil meist verdammt viel Text gestemmt werden muss. Der Regie gelingt es dabei selten, sich freizuspielen (…). Regisseur Pedro Martins Beja hat damit im Schauspielhaus Wien sichtlich keine Probleme. Souverän setzt er in Allerwelt, einem Panoptikum diverser Flüchtlingsbiografien, auf Atmosphäre und Leichtigkeit, die in markantem Kontrast zum harten Stoff stehen. (…) Es geht um Gaspar (sehr pointiert: Steffen Höld), einen ungarischen Grenzsoldaten, um den türkischen Transsexuellen Yasar (ohne Klischees: Simon Zagermann), um Malalai (Barbara Horvath), eine afghanische Ärztin, und um Guillermo (virtuos komisch: Florian von Manteuffel), der unter Pinochet gefoltert wurde. Im Zentrum aber steht Mila Katz (Nicola Kirsch), eine junge Frau, die ihre Eltern sucht, die sie nie gekannt hat. Das Stück ist überbordend, voller Anspielungen auf Epochenbrüche und politische Revolutionen. Gepaart mit der Pseudo-Naivität der Mila Katz ergibt dies freilich eine Gratwanderung zwischen betulicher Lieblichkeit und tatsächlicher Poesie, die durch die grandiosen Schauspieler immer wieder aufblitzt."
profil

"Dass Allerwelt mit seiner Anhäufung von Schicksalen weder auf die Tränendrüse drückt noch den Zeigefinger erhebt (wenn schon, dann den Mittelfinger), ist dem filigranen Text von Philipp Weiss zu verdanken, der mit zarten Pinselstrichen Konturen zieht, die von Regisseur Beja in schreienden Neonfarben ausgemalt werden. (…) Ein rasanter, knalliger und ungewöhnlich poetischer Abend."
APA

"Für die Recherchen zu dem – 2011 mit dem vom Wiener Schauspielhaus alljährlich vergebenen Hans-Gratzer-Stipendium ausgezeichneten – Stück lebte Weiss einen Monat lang in Macondo, um Geschichten und Fakten zu sammeln. Herausgekommen ist kein Doku-Drama, sondern ein auf fast anachronistische Weise poetisches Stück. Macondo heißt hier Allerwelt, und seine Bewohner haben zwar recht konkret beschriebene Flüchtlingsbiografien, sind aber durch und durch literarische Figuren, denen der Autor fein ausdifferenzierte Kunstsprachen angedichtet hat. Den märchenhaften Charakter der Vorlage verstärkt der Regisseur Pedro Martins Beja in seiner Inszenierung noch. (…) Während manche Bewohner von Allerwelt – etwa der aggressive junge Iraker Naseer oder die somalische Ärztin Fatima – Randfiguren bleiben, stehen fünf Personen im Fokus der Inszenierung. Der transsexuelle Kurde Yasar (Simon Zagermann) soll abgeschoben werden, wird vorher aber noch von einem Psychiater interviewt. Der Ungar Gaspar (Steffen Höld) ist seit 1956 in Allerwelt; als die Sowjets einmarschierten, war er als Soldat an der österreichischen Grenze stationiert, seine Budapester Geliebte hat er nie wiedergesehen. In Wien hat er einen Job und eine neue Frau – die 1968 aus Prag geflüchtete Tereza – gefunden; leider hat er den Job verloren und die Liebe vermasselt. Der bittere Monolog der von Gaspar und dem Rest der Männerwelt enttäuschten Tereza (Katja Jung) gehört in seinem lakonischen Witz zu den stärksten Momenten des Abends. Von leiser Komik sind auch die Brandreden, die der chilenische Kommunist Guillermo (Florian von Manteuffel) noch Jahrzehnte nach seiner Flucht vor dem Pinochet-Regime schwingt – teilweise in spanischer Originalfassung. Und dann ist da noch das Waisenkind Mila Katz (Nicola Kirsch), das auf der Suche nach seiner Identität wie eine Fee durch das Stück geistert und die Handlungsfäden lose miteinander verbindet. (…) So wie die in diesem Zusammenhang zitierte Scheherazade aus dem persischen Märchen halten sich auch die Menschen aus Allerwelt mit Geschichten lebendig. Und während das Theater von Flüchtlingen meist im aufklärerischen Reportagemodus berichtet, riskiert Philipp Weiss in seinem Stück einen ganz anderen Ton. Auch Märchen können grausam sein, und Weiss verharmlost nichts. Dennoch hat sein Allerwelt etwas Utopisches: eine Flüchtlingssiedlung, in der entwurzelte Menschen in der Sprache eine neue Heimat finden."
Süddeutsche Zeitung

Die Fotos dürfen honorarfrei ausschließlich für Pressezwecke im Rahmen der Berichterstattung über das Schauspielhaus Wien verwendet werden.

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