plebs coriolan

© Alexi Pelekanos / Schauspielhaus / Barbara Horvath, Myriam Schröder, Thiemo Strutzenberger, Steffen Höld, Gideon Maoz, Hanna Eichel© Alexi Pelekanos / Schauspielhaus / Myriam Schröder, Thiemo Strutzenberger© Alexi Pelekanos / Schauspielhaus / Steffen Höld, Barbara Horvath© Alexi Pelekanos / Schauspielhaus / Hanna Eichel, Gideon Maoz© Alexi Pelekanos / Schauspielhaus / Thiemo Strutzenberger, Myriam Schröder
von Kevin Rittberger
Regie: Kevin Rittberger

Premiere: 12. April 2013 / 20 Uhr
URAUFFÜHRUNG


Aufführungsdauer: ca. 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

Das österreichische Superwahljahr 2013 wirft auch am Schauspielhaus Wien seine Schatten voraus: plebs coriolan nimmt Politik und politische Verhältnisse in den Blick und untersucht unser Demokratieverständnis.
Der vielfach ausgezeichnete deutsche Dramatiker Kevin Rittberger stimmt jedoch in seinem Stückauftrag nicht in das Lamento über die immer gleichen Versäumnisse und Bestechlichkeiten der Politikerkaste ein, sondern befragt den Einzelnen nach seiner Verantwortung als Akteur im demokratischen System. Wem gehört was? Woraus ergeben sich Eigentumsverhältnisse und Besitzansprüche? Und ist es legitim, Gewalt anzuwenden, um sie zu verteidigen?

William Shakespeares Drama Coriolanus erzählt von einem römischen Elitekämpfer mit politischer Ambition, der als Kriegsheld die Plebejer für seine Zwecke erst zu nutzen sucht, sich bald schon kriegerisch gegen sie wendet - und schließlich über seine eigenen strategischen Hakenschläge und Seitenwechsel in den Untergang stürzt. plebs coriolan - eine Auftragsarbeit für das Schauspielhaus Wien - ist keine „Aktualisierung“, keine Adaption des berühmtem Coriolanus, sondern eine Neuformulierung ohne Kriegsheroismus und Erobererpose. Den Plebs-Begriff unterzieht Kevin Rittberger einer intensiven Re-Lektüre: Er analysiert "das Volk" als Organismus, dessen Inneres unter dem Druck der Verhältnisse gleichsam nach außen zu drängen droht - und dessen unkontrollierbares anarchistisches Potenzial bei denen, die noch etwas zu verlieren haben, für Panik sorgt. Aber das Volk kennt sich selbst nicht mehr, weil es kaum organisiert ist, und von der Macht, die es entfesseln könnte, hat es allenfalls eine vage Ahnung. Rittberger nimmt in plebs coriolan jene Gesellschaftskonzepte auf, die Shakespeare nur skizziert: Die schon bei Shakespeare thematisierte "Multitude" ist eine unzähm- und unbezwingbare Größe - wovon übrigens auch der späte Bertolt Brecht Bericht erstattete, der in einer unvollendet gebliebenen Coriolanus-Bearbeitung sein Misstrauen gegen die Unersetzlichkeit des Heldenindividuums formulierte.

"Ich habe in der Beschäftigung mit Shakespeares "Coriolanus" gemerkt, dass mir die Plebs als Antipode zur Hauptfigur zu schwach gerät. Ich habe da in den Geschichtsbüchern mehr Anhaltspunkte für das gefunden, was zu Beginn des 17. Jahrhunderts wirklich geschieht, was als Protestenergie vorhanden ist, so genannte „Enclosure Riots“. Als massenhafte Einhegungen, als Umzäunen, Privatisieren von ehemaliger Allmende, als das Vertreiben von Kleinbauern in die Städte, als die Herausbildung einer Vorstufe des Proletariats, als "ursprüngliche Akkumulation" beschreibt Marx das später. Da sind also nun Menschen, die nichts mehr haben als ihre eigene Haut zu verkaufen. Nun wollte ich einen Ort finden, über die Plebs nachzudenken, ihre Interessen zu stärken, ihr eine Kontur geben. Also zu fragen: Was ist überhaupt die Plebs? Das ist zunächst mal ein Abtasten, weil da vieles aus den vorigen Jahrhunderten, vor allem dem letzten, in unser heutiges hineinragt, was eher Anlass böte, einer neuen Idee von Kollektivierung skeptisch bis ablehnend gegenüber zu stehen. Ich habe mich gegen die Charakterstudie eines wie auch immer gearteten heutigen Kriegshelden entschieden, den man auch als Chefökonomen oder Top-Manager gestalten könnte, was mir fern liegt, sondern tatsächlich den Versuch unternommen, eine Gruppe von Menschen zu zeigen, die ein Gegenmodell vertritt, jetzt schon, arglos, ohne Stimme, ohne Parlament, von unten. Bei mir heißen diese Menschen Ausheger. Ausheger wären die, die besagte Einhegungen, die auch heute noch massenhaft stattfinden, wenn auch deutlicher in den Ländern des Südens, aufzulösen bereit sind. Es wären die, die am Erbrecht, an den Eigentums-, Grund- und Bodenverhältnissen rütteln. Es wären auch diejenigen, die gemeinsam handeln, zusammen etwas herstellen und versuchen, vom großen System unabhängig zu werden."
(Kevin Rittberger)

"Eine Dame des Hauses (Myriam Schröder) residiert im Luxus der Moderne. Versponnen betrachtet sie mit einem Notar (Thiemo Strutzenberger) riesige abstrakte Gemälde im Hintergrund. Die beiden bewegen sich dazu wie im Ballett. (...) Neben den Oberen spielen vier revolutionär gesinnte "Ausheger". Ziel der Mittellosen: radikale Umverteilung. (...) Attac! Nieder mit den Umzäunungen. (...) Horvath und Höld können köstlich damit umgehen, das Zögern vor der Gewaltanwendung zu zeigen, in einem Kabinettstück der Komik , so wie auch die kontrastierenden Auftritte von Schröder als verständnisvoller Dame der besseren Gesellschaft und von Strutzenberger voller Heiterkeit sind. (...) Alle sind mit Herz dabei, auch Hanna Eichel und Gideon Maoz spielen als zwei weitere "Ausheger" mit ausgeprägtem Ökobewusstsein erfrischend. Kräftiger Applaus für die leichte Auslegung eines mörderischen Klassenkampfes."
Die Presse

"Gegen Ende der 110 pausenlosen Minuten kehrt sich viel doppelt ironisch Verdrehtes nochmals um. (...) Das sensationell harmonierende Schauspielhausensemble entledigt sich der überkalkulierten Wortlast zuletzt mit leerem Schönsprech. Im Schlussbild leben wieder alle. Also keine Angst vor nichtdeutschem Hauspersonal oder umstürzlerischem Plebejer-Potenzial!"
Wiener Zeitung

"Rittbergers Stück ermöglicht den Schauspielern, viel von dem zu zeigen, was sie können. Und das ist im Schauspielhaus sehr, sehr viel."
Kurier

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