Luft aus Stein

© Alexi Pelekanos / Schauspielhaus / Gideon Maoz, Franziska Hackl© Alexi Pelekanos / Schauspielhaus / Max Mayer, Franziska Hackl© Alexi Pelekanos / Schauspielhaus / Franziska Hackl, Gideon Maoz© Alexi Pelekanos / Schauspielhaus / Katja Jung, Franziska Hackl© Alexi Pelekanos / Schauspielhaus / Max Mayer, Franziska Hackl
von Anne Habermehl
Regie: Anne Habermehl

Premiere: 17. Jänner 2013 / 20 Uhr
URAUFFÜHRUNG


Aufführungsdauer: ca. 1 Stunde 25 Min., keine Pause

Mit Luft aus Stein stellen wir erstmals die Autorin Anne Habermehl in Österreich vor. Sie inszeniert ihr Stück - ein Auftragswerk für das Schauspielhaus - selbst: Diese Konstellation des Autorenregisseurs findet sich im kommenden April auch bei Kevin Rittbergers Arbeit plebs coriolan. Im Zentrum von Luft aus Stein steht die Frage Wie lebe ich und wo gehöre ich hin? Anhand dreier Generationen einer Familie entfaltet Habermehl ein Panorama europäischer Geschichte, das sich vom Zweiten Weltkrieg bis zur Gegenwart spannt. Die Figuren ihres Kammerspiels müssen feststellen, dass sich die eigene Biografie nicht von der Familienbiografie loskoppeln lässt, dass manche Traumata so tief gehen, dass sie sich - mangels unmöglicher oder unterlassener Aufarbeitung - auf die nachfolgenden Generationen vererben und neue entstehen lassen. Die Wunden der Vergangenheit - seien sie in den individuellen Lebensläufen oder in der tatsächlichen Geschichte begründet - können sich nicht schließen, weil das heilsame Sprechen über die Geschehnisse nicht stattfinden kann. So sind sie allesamt Verstummte, Versehrte, Verwundete, letztendlich Vertriebene aus Orten der Zärtlichkeit, aus der Heimat.

Sich hier vorwärts bewegen, den Fuß aufsetzen, ist wie versehrtes Gebiet abtasten: die Zerstörung hat sich über die Zeit aus der Welt der Dinge, der Architektur, der Körper, ins Innere verlegt, ins Nicht-Sichtbare. Als hätten wir den äußeren Krieg gegen den inneren Krieg eingetauscht, als wären damit die Körper verschwunden, oder als sinnliches Erlebnis nicht mehr zugelassen, und die Spuren sind jetzt nicht außerhalb von, sondern in uns. Ich versuche mit Zärtlichkeit von "meinem" Land zu sprechen, warum geht es nicht? Komme ich wirklich von dort? Wie kann ich von dort kommen, was ich nicht mag? Oder, von wo komme ich dann? Ich weiß nicht, wie ich diesen Riss, diese Schizophrenie, kleben könnte. Dieses Fehlen von Zärtlichkeit für die eigene Herkunft. Was ist das für ein Erbe, diese Schuld in der eigenen Geschichte? Das Zuhause nur als geografischen, nicht als inneren Ort zulässt? Es ist, als würden wir versteinerte Luft atmen. Und dann diese zweite Welt, die der „Globalisierung“. Die mir, weil ich auf diesem Teil der Erde geboren bin, erlaubt überall hinzureisen, überall zu sein, die Herkunft grundsätzlich negiert. Für beide Welten habe ich keine Sprache zur Verfügung, mit dem Anwachsen der Informationen kommt mir die Fähigkeit abhanden diese Welten zu beschreiben. Als wären Verstummen und Wortschwall ein und dasselbe. Was bleibt, ist eine leere Fläche im Gehirn, ein weißer Fleck. Wie nach einem Unfall. Mein Zuhause ist der Verlust von etwas, was ich nie besessen habe: Identität, Sprache. Wie grabe ich das wieder aus? Für den großen historischen Unfall, für den privaten Unfall, und für die globalisierte Welt? Vielleicht ist der nächste Schritt der in die Reha-Klinik, vielleicht kann der weiße Fleck dort neu beschrieben werden? Die Figuren in diesem Stück sind Vertriebene, vertrieben aus Orten der Zärtlichkeit. Sie sitzen wie Vögel in einem Käfig und schlagen mit den Flügeln.

(Anne Habermehl)

"1944, 1963, 2013. Habermehl springt durch die Jahrzehnte und erzählt vor allem die Geschichte von drei Frauen (...). Gemeinsam ist ihnen die Suche nach der Liebe, Heimat, Sinn. Und das Scheitern. Die Autorin hat die Uraufführung am Wiener Schauspielhaus selbst inszeniert - die große Wahrhaftigkeit des Abends ist wohl auch dieser Tatsache zu verdanken. Die Schauspieler spielen das Stück nicht, sie leben es. Besonders subtil, transparent und rätselhaft zugleich: Franziska Hackl, die sich bei den Frauenrollen mit der kaum minder sehenswerten Katja Jung abwechselt." Kurier

"Habermehls Stück thematisiert auch den Verlust der Sprache, beschreibt Zungen aus Stein, und das wiederum mit einer treffsicher poetischen Sprache , die die Schaumkugeln und Kolibriherzen des Lebens anruft. (...) Diese reduzierte Familienskizze ist ein spannendes und berührendes Panorama . Katja Jung, Gideon Maoz, Franziska Hackl und Max Mayer spielen ihre Mehrfachrollen differenziert, aber doch in einer verblüffenden familiären Einheit." Wiener Zeitung

"Luft aus Stein ist ein Auftragswerk des Schauspielhauses, so konnte [Anne Habermehl] die Rollen ihren vier Schauspielern auf den Leib schreiben, und die danken es ihr, indem sie jedes Wort und jede Pause ganz unprätentiös mit Sinn füllen. (...) Letztlich entpuppt sich gerade das Fehlen einer plakativen "Lehre aus der Geschichte", womit Habermehl wieder eine Publikumserwartung austrickst, als die große Stärke ihres kurzweiligen Wolkenatlas. (...) Wo die Leerstelle bleibt, hat das Theater gewonnen." nachtkritik.de

"Anne Habermehl ist ein beeindruckendes Stück gelungen, weil sie sich mit diesem psychologischen Drama gegen die eigenen Diagnosen auflehnt. Zwar ist alles aus Stein - die Luft, die Körper, die Zungen, der Himmel. "Es fühlt sich alles an wie durch Scheiße laufen." Aber diese Dramatikerin begegnet unserer gesellschaftlichen Steinzeit mit viel Empathie und zarten Bildern. Habermehl schenkt den Gefallenen, den elenden Kindern ihrer Zeit Flügel - sie dürfen bei ihr abheben über das Desaster der Situation. (...) Bühnenbildner Christoph Rufer hat den dunklen Tunnel, der in unser Inneres, die Vergangenheit und die Zukunft führt und im Text als Metapher eine wichtige Rolle spielt, wie eine Einfahrt zur Unterwelt aufgebaut, an der man sich in der eineinhalbstündigen Aufführung keinesfalls sattsieht. Bleibt als Fazit, dass im Wiener Schauspielhaus ein wichtiges, man könnte fast sagen "wahrhaftiges" Stück entdeckt wurde. Zum Nachspielen dringend empfohlen." Süddeutsche Zeitung
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