Entfernung.

© Alexi Pelekanos / Schauspielhaus / Vincent Glander, Barbara Horvath
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von Marlene Streeruwitz

Regie: Samuel Schwarz
Dramatisierung: Ted Gaier und Samuel Schwarz

Eine Koproduktion mit 400ASA, Zürich

 

Premiere: 15. Oktober 2011

 

URAUFFÜHRUNG

 
Marlene Streeruwitz schrieb Entfernung. 2006 vor dem Hintergrund der Terroranschläge in der Londoner U-Bahn. Liest man diesen Roman unter dem Eindruck des bevorstehenden 10. Jahrestages von 9/11, so wird einmal mehr seine herausragende Relevanz für den Diskurs über den Terror deutlich. Darüber hinaus untersucht Streeruwitz darin die Kulturszene, den Umgang mit geistiger Arbeit und die Verletzungen, die in diesem Arbeitsumfeld zugefügt werden. Gerade in der Kulturhochburg Wien sind diese kritischen Blicke hinter die Kulissen des Kulturbetriebs notwendig.
Selma Brechthold ist eine Entlassene und Verlassene: Soeben wurde die Endvierzigerin als Chefdramaturgin der Wiener Festwochen gekündigt, und ihr Freund beginnt ein neues Leben mit einer jungen Ungarin und deren gemeinsamem Kind. Ihre Identität droht in die Brüche zu gehen. Selma reist nach London mit der letzten Hoffnung, dort ein Sarah-Kane-Projekt zu realisieren. Auf ihrer Odyssee durch „die Stadt der Härte“ gerät sie in das Terrorattentat vom 7. Juli 2005, dessen blutige Gewalt sichtbare Entsprechung der unsichtbaren Gewalt, die Selma angetan wurde, zu sein scheint. Hin und her geworfen zwischen Panik und Hochgefühl, Selbstmitleid und Selbsthass, Empathie und Rassismus, bricht vor allem immer wieder ihre Verachtung für den Kulturbetrieb hervor. Ein Betrieb, der Kultur immer mehr auf Unterhaltung reduziert, geprägt ist von Oberflächlichkeit und Ausbeutung. Ständig auf der Suche nach dem neuesten Kick, verschleißt er menschliche Ressourcen, huldigt der Idee vom Leben als Projekt und lehrt das Publikum, Provokationen auszusitzen: „Blut auf der Theaterbühne. Echtes Blut. Schlachtblut. Schlachttag. Und sie war dafür gewesen. Weil man nichts unterdrücken sollte. Weil mit dem Nichts-Unterdrücken die Macht so schön fest wurde. So selbstgerecht. Weil die Macht dann Freiheit rufen konnte. Und sie hatte keine Zweifel gehabt. Erst jetzt. Als Vernichtete.“ Bei aller Globalisierungs- und Neoliberalismuskritik, die Streeruwitz in der ihr eigenen Schärfe in Entfernung. formuliert, gibt der Roman doch so etwas wie einen positiven Ausblick: Denn indem sich die einstige Global Playerin der Kulturszene auf ihrer Reise immer mehr von ihrem früheren Selbst entfernt, entsteht aus dieser Entfernung die Möglichkeit einer Erlösung.

 

Marlene Streeruwitz polarisiert - besonders unter Theaterschaffenden. Ich habe das Gefühl, dass das mit der von ihr geäußerten Systemkritik zu tun hat. Die Theaterszene diskreditiert die Kritik aus den eigenen Reihen zumeist künstlerisch und hat ein sehr flexibles Wertesystem, sie richtet - meist ohne Einbezug des Publikums. Um diese gnadenlose Kunst- und Theaterszene geht es in Entfernung. Darüber hinaus ist es ein Roman über das 21.Jahrhundert, den Terror um uns und in uns drin, den wir dazu nutzen werden, um über die letzten zehn Jahre nachzudenken. Über dieses seltsame „Flughafengefühl“, das nach dem 11. September in uns gekrochen ist und uns nicht mehr so richtig verlassen hat. Wir werden eine Zelle bilden, die sich mit der Logik der Macht und der Angst vor dem Outgesourctwerden auseinandersetzen wird, um uns innerlich stark zu machen für die Momente, in denen es karrieretechnisch nicht so läuft, wie wir uns das vorstellen, wo wir berührt werden von dem kalten Hauch des Prekariats und wir nicht mehr im Namen von Institutionen richten und urteilen können, sondern zurückgeworfen werden auf uns selbst und endlich wieder kreativ werden müssen. Denn Entfernung. ist ein Roman voller Hoffnung. (Samuel Schwarz)

 

Autorin Marlene Streeruwitz

Regie Samuel Schwarz

Bühne/Kostüm Cristina Nyffeler

Musik Ted Gaier

 
 
Premiere:

Sa, 15. Oktober 2011



 
 


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