Puppen

© Alexi Pelekanos / Schauspielhaus / Katja Jung, Thiemo Strutzenberger
© Alexi Pelekanos / Schauspielhaus / Katja Jung, Thiemo Strutzenberger


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von Kevin Rittberger
Regie: Robert Borgmann
 
Premiere: 6. Oktober 2011
 
URAUFFÜHRUNG
 
Puppen, entstanden im Rahmen des Schau-spielhaus-Autorenförderprogramms stück/für/stück und 2009 mit dem Hans-Gratzer-Stipendium ausgezeichnet, ist eine Tragikomödie über physische und psychische Erlahmung, ein Stück (post-)absurdes Theater, in dem das alte Leistungsdenken noch ungebrochen wirkt, obwohl es nichts mehr zu leisten gibt, und in dem unverdrossen verkauft werden soll, wo nichts mehr anzubieten ist. In Puppen wird ein Modellfall durchgespielt. Die darin auftretenden Figuren erleben die Abschaffung der Arbeit, das unwiderrufliche Ende ihrer Unternehmen: Ein Fleischer ohne Fleisch (und schließlich auch: ohne Fleischerei) und eine Friseurin ohne Kenntnis ihres Handwerks treffen auf Klandestino, der sich als Dealer-Junkie-Zuhälter vorstellt und eine universelle Kriminellenkarriere fingiert, sowie auf eine Frau, die unter mysteriösen Schwindelanfällen leidet, während das Volk in den Straßen den kommenden Aufstand probt. Rittberger setzt einen Reigen in Gang und lässt seine Charaktere reihum für surreale Dialoge zusammentreten. Sie alle erscheinen als Akteure mit vagen Identitäten, mit unsicheren Biografien in einer nachkapitalistischen Gesellschaft. Das überschaubare Warenangebot, von dem etwa der Fleischhändler spricht, lässt - wie die Typologie des Stücks insgesamt - bisweilen gar Brecht oder Horváth assoziieren: Er schenkt Fassbrause aus und träumt von Schlackwurst. Die mannigfachen Unverträglichkeiten der Figuren wachsen sich zum Generalsymptom aus. Die Handelnden taumeln durch ihren Mikrokosmos, in dem keinerlei gesellschaftspolitische Referenzen mehr geltend zu machen sind, drohen zusammenzusacken wie Puppen, die aus den Marionettenfäden gelöst wurden; sie verstehen einander nicht, leben aneinander vorbei. Am Ende regiert nur noch der Scharfrichterwitz: „Wir sind die Lust des Königs Elend.“

 

Nach Nikolai D. Kondratieff kennt der Kapitalismus Jahreszeiten. Ob die Winter immer länger werden oder wir in eine neue Eiszeit schlittern, kann uns der 1938 liquidierte russische Ökonom nicht mehr beantworten. Dass hier eine zweite Natur gemeint ist, schließt die Frage nicht aus, wer sich gegen lange Winter wie zu schützen weiß. Und ob, wer jemanden sagen hört: „Ich biete dir Schutz!“ gerührt sein kann oder besser nach der Beschaffenheit des Schutzmantels fragt. Am Ende platzt der Mantel aus allen Nähten. Welche Kampfhandlung, welcher Materialfehler, welche Zersetzung dem vorausging, vermag keiner zu beantworten. Es versagt die Sprache, die sich ganz unsentimental neu ordnen soll, weil der alten und der neuen gleichermaßen misstraut wird. Dann wird vielleicht lähmend ängstlich auf alten Worten herumgeritten, auch wenn sie längst nichts mehr bedeuten. Dann wird sich in unsinniges, ja aberwitziges Tun geflüchtet. Dann steigt die Angst, dass der eigenen Liebesfähigkeit nichts mehr zuzutrauen wäre. (Kevin Rittberger)

 

 
Premiere:

Do, 06. Oktober 2011



 
 


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