Waisen

© Alexi Pelekanos / Schauspielhaus  <br> Nicola Kirsch, Vincent Glander, Thomas Reisinger
© Alexi Pelekanos / Schauspielhaus
Nicola Kirsch, Vincent Glander, Thomas Reisinger


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von Dennis Kelly
Regie: Ramin Gray

Premiere:  5. März 2011

Spieldauer: ca. 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

ÖSTERREICHISCHE ERSTAUFFÜHRUNG

 
Dennis Kellys Stück Waisen beginnt mit einem extremen Bild: Liam steht blutüberströmt im Esszimmer, wo seine Schwester Helen und deren Mann Danny gerade bei einem Candle-Light-Dinner sitzen. Er habe einem jungen Mann geholfen, der bei einer Messerstecherei verletzt wurde. So lautet Liams erste Version dessen, was an diesem Abend vorgefallen ist. Doch schon bald verstrickt er sich in Widersprüche, und ein abgründiger Psychothriller beginnt, in dessen Verlauf sich die Grenzen zwischen Lüge und Wahrheit, Gut und Böse, Liebe und Hass immer mehr verwischen, und die moralische Überforderung schließlich in Zerstörung mündet.
Waisen ist in mehrfacher Hinsicht ein hoch politisches Stück. Neben realpolitischen Referenzen auf Abu Ghraib, den islamistischen Terrorismus und die damit verbundene zunehmende Islam- und Ausländerfeindlichkeit - ein Thema, das in Österreich mehr als aktuell und, man könnte sagen, fast schon zum guten Ton gehört, greift Kelly darin relevante gesellschaftspolitische Themen, wie die Folgen der Immigration, urbane Isolation, Gewalt und unsere moralische Zerrissenheit im Zeitalter der „political correctness“ auf. Vor allem aber führt dieses Stück eindringlich vor Augen, dass Politik bereits in der kleinsten sozialen Einheit - der Familie - beginnt. In der familiären Politik geht es, genauso wie in der staatlichen, um die Durchsetzung von Forderungen und Zielen, um Einflussnahme - nicht zuletzt durch die Mittel der Manipulation. Helen treibt ihren Ehemann Danny an und über die Grenzen von Recht und Gesetzlichkeit, um die Familie zu schützen, koste es, was es wolle, die Moral des Einzelnen negierend zugunsten einer „Gruppenmoral“. Waisen ist ein messerscharfes Stück über gesellschaftliche Entsolidarisierung und die Wiederkehr des, wie Kelly es nennt, „Tribalismus“, eine schmerzhafte Überprüfung, wie leicht unsere moralischen Grundwerte korrumpiert werden und eine verstörende Erkundung unserer Ängste und Loyalitäten, die uns dazu bringen, zu tun, was wir nicht tun sollten.

 

Ich versuche wirklich nicht, über dunkle Themen zu schreiben. Ich tauche einfach nur gern ins Theater ein, um Furcht zu empfinden, starke Emotionen. Vielleicht hat das etwas von einem Tier - man muss wissen, was einem weh tut. Im Kopf hatte ich einen blutverschmierten Typen und zwei Leute, die beim Dinner sitzen, und dann war da die Frage, wer diese Leute sind. Ich weiß nicht, worüber ich schreiben werde, wenn ich anfange zu schreiben - ich kenne nur die Bereiche, um die herum ich schreiben will. Man schreibt über das, was jetzt und hier geschieht. Aber man muss auch über das schreiben, woran man glaubt. Ein Stück über die Liebe ist genauso wichtig wie eines über den globalen Terrorismus. Es muss aus einem selbst kommen. Wenn man Glück hat, dann überschneidet sich das mit dem, worüber auch die anderen nachdenken.

(Dennis Kelly)

Autor Dennis Kelly

Regie Ramin Gray

 
 
Premiere:

Sa, 05. März 2011



 
 


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